
Wer mit der Motorsäge Bäume fällt, trifft Entscheidungen mit unmittelbaren Folgen. Denn jeder Baum ist anders: Wuchsform, Krone, Äste, Stammverlauf, Gesundheitszustand und Umgebung bestimmen, wie sicher eine Fällung ausgeführt werden kann.
Deshalb ist die Baumbeurteilung keine Nebensache, sondern die wichtigste Maßnahme vor Beginn der Fällarbeiten. Sie ist die Gefährdungsbeurteilung von Motorsägenführenden. Was dabei nicht erkannt wird, erhöht das Unfallrisiko.
Baum von allen Seiten beurteilen
Vor der Fällung muss der Baum möglichst vollständig angesprochen werden. Ein kurzer Blick vom Arbeitsstandort reicht dabei nicht aus. Stammverlauf, Krone und Umfeld können je nach Blickrichtung unterschiedlich wirken. Besonders bei Laubbäumen sind Schwerpunktlage, Zwiesel, Starkäste oder Totholz nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Deshalb gilt: Abstand nehmen, den Baum möglichst von allen Seiten betrachten und die Fällrichtung erst festlegen, wenn die entscheidenden Merkmale beurteilt wurden. Zu den bewährten Baummerkmalen zählen:
- Baumhöhe
- Baumkrone und Äste
- Stammverlauf
- Gesundheitszustand
- Stammdurchmesser
- Nachbarbäume und Umgebung
Auch die Baumart muss bekannt sein, denn Holzeigenschaften, Fäuleanfälligkeit und das Risiko des Aufreißens unterscheiden sich deutlich.
Baumhöhe bestimmt den Fallbereich
Die Baumhöhe ist eines der wichtigsten Merkmale. Sie muss vor Beginn der Fällarbeiten bekannt sein, damit der Fallbereich festgelegt werden kann. Als Richtwert gilt: Der abzusichernde Fallbereich beträgt die doppelte Baumlänge. Nur mit einer realistischen Einschätzung der Baumhöhe lassen sich Sicherheitsabstände zu Kolleginnen und Kollegen, Stromleitungen, Gebäuden oder Maschinen bestimmen.
Eine einfache Methode ist die sogenannte Stockpeilung. Dabei wird ein gerader Stock mit ausgestrecktem Arm senkrecht gehalten. Durch Veränderung des Standortes werden Stockspitze, Baumwipfel und Stammfuß in Deckung gebracht. Anschließend sind wegen der Augenhöhe noch einige Schritte nach hinten einzuplanen. Die Entfernung zum Baum entspricht dann ungefähr der einfachen Baumlänge.
Krone, Äste und Schwerpunkt richtig einschätzen
Die Krone beeinflusst maßgeblich die Schwerpunktlage des Baumes. Bei Nadelbäumen mit einstämmiger Wachstumsform und regelmäßigen Astquirlen ist die Einschätzung oft einfacher. Bei Laubbäumen dagegen ist die Krone sehr variabel. Im belaubten Zustand können Totholz und Schwerpunktlage schwer zu erkennen sein; zugleich lässt sich die Vitalität dann besonders gut beurteilen. Absterbende Laubbäume sollten deshalb im Laub erkannt und markiert werden, damit sie später im laublosen Zustand wiedergefunden werden.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Äste und Astkontakte zu Nachbarbäumen. Greifen Kronen ineinander, kann der Baum hängen bleiben. Ausladende Äste können beim Fallen zurückschleudern oder Baumteile der Nachbarbäume lösen. Bei ausgeprägtem Kronentotholz ist erschütterungsarm zu arbeiten, weil herabfallende Äste eine erhebliche Gefahr darstellen.
Stammverlauf zeigt Spannung und Fällverhalten
Der Stammverlauf gibt wichtige Hinweise darauf, ob ein Baum als Vorhänger, Seithänger oder Rückhänger einzuschätzen ist. Er ist gemeinsam mit der Kronenausprägung entscheidend für die Schwerpunktlage. Risse, Beschädigungen oder Veränderungen am Stamm müssen vor der Fällung erkannt werden. Ebenso wichtig ist die Wahl der Rückweiche und des Rückweichplatzes.
Ist die Schwerpunktlage unklar oder spricht sie gegen eine sichere motormanuelle Fällung, können andere Arbeitsverfahren erforderlich sein, etwa eine seilwindenunterstützte Fällung. Die Baumbeurteilung entscheidet somit auch darüber, welche Technik und welche Arbeitsmittel einzusetzen sind.
Gesundheitszustand: Fäule und verminderte Standfestigkeit erkennen
Der Gesundheitszustand beeinflusst unmittelbar, wie der Baum geschnitten werden darf. Schäden am Stammfuß, Rindenschäden, offengelegtes Holz, Fruchtkörper von Pilzen, Schleimfluss oder auffällige Wuchsformen können Hinweise auf Fäule sein. Bei Fichte kann ein flaschen- oder glockenartiges Erdstammstück auf Rotfäule hindeuten. Bei Eschen ist das Eschentriebsterben besonders kritisch, weil es mit verminderter Standfestigkeit sowie abgestorbenen, brüchigen Ästen einhergehen kann.
Ist Fäule erkennbar, dürfen Wurzelanläufe nicht seitlich beigearbeitet werden, weil dadurch möglicherweise das verbliebene tragfähige Holz geschwächt wird. Gegebenenfalls sind die Schnitte höher anzulegen. Ein senkrechter Prüfschnitt am Stammfuß kann vor Beginn der eigentlichen Schnittführung Hinweise auf den Zustand im Stamminneren geben.
Werkzeug und Schnittanlage an den Stammdurchmesser anpassen
Der Stammdurchmesser bestimmt die Auswahl der Motorsäge, die Schienenlänge, das Hauungswerkzeug und die Fällhilfe. Auch die Maße der Schnittanlage – Fallkerb, Bruchleiste und Bruchstufe – müssen zum Durchmesser passen. Ungeeignetes oder zu schwach dimensioniertes Werkzeug erhöht die Belastung und kann zu unsicheren Arbeitssituationen führen.
Umgebung nicht vergessen
Eine sichere Fällung endet nicht am Stammfuß. Vor Beginn der Arbeit ist auch das Umfeld zu beurteilen: Kontakt zu Nachbarbäumen, Hindernisse in Fällrichtung, stehendes Totholz, Geländeform, Wege, Gebäude, Maschinen und Personen. Der fallende Baum kann Nachbarbäume mitreißen, Hindernisse hochschleudern oder durch Erschütterung Schadholz lösen. Deshalb gehört die Beurteilung der geplanten Fällrichtung und des gesamten Umfeldes immer zur Baumbeurteilung.
Fazit
Eine fachkundige Baumbeurteilung ist der Schlüssel zu sicherer Waldarbeit. Sie klärt, ob und wie ein Baum gefällt werden kann, welche Arbeitsmethode geeignet ist und welche Gefährdungen für Beschäftigte und Umfeld bestehen. Wer Baumhöhe, Krone, Äste, Stammverlauf, Gesundheitszustand, Stammdurchmesser und Umgebung sorgfältig beurteilt, reduziert Unfallrisiken deutlich. Die wichtigste Regel lautet deshalb: Erst beurteilen, dann fällen.
Klaus Klugmann, SVLFG



Kronenzustand – zeigt, wie der Baum sicher zu fällen ist.
Quelle: SVLFG